Denunziation und Verhaftung

 



Nidden auf der kurischen Nehrung, von Südwesten, 28.07.1930

Emil Stumpp war am 5. September 1940 von Königsberg über Cranzbeek und Nidden nach Perwelk auf der Kurischen Nehrung gekommen, hatte sich in einem der sechzehn kleinen Häuser des Dorfes beim Bäcker eingemietet und intensiv zu arbeiten begonnen.

Er beobachtete die Natur, freute sich an wilden Eichen und frei umherstürmenden Pferden, genoß den ausgehenden Sommer, malte und zeichnete und machte hier und da Besuche. So auch am 29. September 1940.

„Am Sonntag nachmittag hatte ich beim Bürgermeister etwas Rundfunk gehört und mich darüber geärgert, daß für die Briten immerfort der Ausdruck ‚Verbrecher‘ gebraucht wurde. Ich sagte zu Pietsch etwas Derartiges, er sprach dagegen, und wir waren bald in hitzigem Wortlaut. Frau Pietsch war teilweise dabei. Nachdem ich weggegangen war, tat es mir leid, ich ging zurück, bat Pietsch allein in ein anderes Zimmer und bat ihn, das Gesagte unter uns zu lassen und nicht so ernst zu nehmen‘!

Daraufhin sagte er: ‚Wenn Sie es nicht zu anderen gesagt haben, dann ist nichts dabei!‘

Entweder hatte Pietsch da aber bereits die Gestapo in Memel angerufen oder tat es sofort danach.“

Die Spätsommerstimmung am Meer hatte Emil Stumpp so fest in ihren Bann gezogen, daß er darin den Blick für die Reichswirklichkeit verlor. Bewahrt hatte er sich statt dessen die Hoffnung auf den Sieg der Toleranz und Völkerfreundschaft.
In einer Zeit des Chauvinismus und der Intoleranz versuchte Emil Stumpp noch immer, das zu lehren, was er bereits 1931 (...) gesagt hatte: daß es eine Basis für den friedvollen Umgang der Menschen untereinander gibt, nämlich die Kunst.
„Das Reich der Kunst ist menschlich, es will der ganzen Welt ans Herz greifen. Es greift hinaus über alle Schranken von Land und Zeit hinweg.“

Ein Mann, der solches dachte und vertrat, konnte nicht stumm gegenüber Menschen verharren, die einem anderen Volk angehörten. Deshalb ließ er sich, was streng verboten war, bei einem Spaziergang über die Kurische Nehrung etwa ein bis zwei Tage nach der Auseinandersetzung mit dem Bürgermeister Pietsch auf ein Gespräch mit französischen Kriegsgefangenen ein.




Perwelk, 2. Oktober 1940, letzte von Emil Stumpp
in Freiheit angefertigte Zeichnung

Er wurde auch danach denunziert und schließlich am Abend des 2. Oktober 1940 in Perwelk verhaftet.

Emil Stumpp war jetzt 54 Jahre alt, er hatte die Welt gesehen und die Nazis kennengelernt und schrieb dennoch am 30. Dezember 1940 aus dem Gerichtsgefängnis zu Memel in einem Brief:


„Ich habe so viele Gründe, dankbar zu sein.
Erstens, daß ich noch immer gesund geblieben bin.(...)
Dann, daß ich soviel Freude an Büchern und meine eigene Arbeit haben darf
und daß ich mich in der Einsamkeit stets wohlgefühlt habe.
Mein alter Traum ist es ja immer noch, einmal einen Winter allein in einer Waldhütte zu verbringen."

 

Emil Stumpp stirbt am 5. April 1941 im Gefängnis zu Stuhm an den Folgen mangelhafter Ernährung während der Haft.


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Aus: Emil Stumpp. Ein Zeichner seiner Zeit, a.a.O., S. 233, mit freundlicher Genehmigung von Herrn Detlef Brennecke